Stadturlaub

Ich tue mir schwer, Georgien nur mit Worten zu beschreiben, es ist für mich ein magisches Land, das so viel Gegensätzliches vereint. Ich kann es nicht anders sagen, Georgien ist gleichzeitig schön und schäbig. Saftig und staubig, exotisch und vertraut, modern und heruntergekommen, mystisch und borat-ig. Europäisch und asiatisch – oder eben beides nicht.

Georgien in a nutshell

Auf unserer großen Reise 2019 waren wir uns einig, dass wir wieder kommen werden. Nicht zuletzt wegen der Kulinarik. Khinkali, Kachapuri, Lobiani, Badrischani, Pkhali, Tschurtschchela… googelt mal! Es ist ein Traum hier!

Kachapuri und Tomaten-Gurken-Salat mit Walnusssauce

In Kutaisi waren wir auf unserer Reise 2019 nur als Zwischenstopp für 1,5 Tage, wir fanden es aber so nett, dass wir es bereut haben, nicht länger zu bleiben. Das haben wir diesmal geändert, und gleich mal eine Woche ein Apartment gebucht.

Baumkirche im botanischen Garten von Kutaisi

Kutaisi ist eine malerische Stadt mit einer total heimeligen Atmosphäre, sehr grün und ein paar schöne Sehenswürdigkeiten, gleichzeitig ist sie nicht zu groß und nicht stressig. Hier fühlten wir uns so zuhause wie selten auf der Reise wo.

Ein zusätzlicher Faktor, warum wir Kutaisi genossen haben, war Saskia, die wir im Zug von Ankara nach Erzurum kennengelernt haben. Sie haben wir hier wieder getroffen, im Schlepptau hatte sie Isaac, einen Briten, den sie auf dem Weg von der Türkei nach Georigen kennengelernt hat. Wir haben uns super verstanden und gemeinsame Ausflüge gemacht und Kutaisi erkundet und bei aller familiärer Dreisamkeit war es echt schön, mal wieder in einer Gruppe unterwegs zu sein. Gusti hat Saskia außerdem sehr schnell ins Herz geschlossen und sich jedes Mal sichtlich gefreut, wenn wir sie wieder getroffen haben.

Für einen Tagesauflug haben wir uns zu viert ein Mietauto genommen, nördlich von Kutaisi gibt es nämlich mehrere Canyons und Höhlen in Nationalparks. Der besonders spektakuläre Okatse Canyon war unser Hauptziel, hier soll es auf Stegen und Holzbrücken in schwindelerregenden Höhen durch die Schlucht gehen. Naja, Saskia und Isaac habens eh toll gefunden – Gusti durfte leider nicht rein. Mit der Begründung, dass Kinder unter 1,20m nicht auf dem Wanderweg erlaubt sind. Dass Gusti noch nicht selbst geht und die ganze Zeit wie ein Rucksack auf Romeds Rücken gesessen hätte, haben die Nationalparkmitarbeitenden entweder nicht verstanden oder nicht gelten lassen. So sind Romed, Gusti und ich zu einem Wasserfall in der Nähe gefahren und haben dort in der Hängematte gechillt und manche von uns haben im kalten Bergfluss gebadet.

Stau
Beim Okatse-Wasserfall

Die Woche in Kutaisi ist echt schnell vergangen und dann standen wir vor der Entscheidung: in den Norden, in die Berge von Svaneti, die seit 2019 auf unserer Bucket-List sind. Oder nach Tbilisi, Tiflis, eine unserer liebsten Städte überhaupt. In Svaneti schaute der Wetterbericht sehr demotivierend aus, für Schnee in den Bergen sind wir nicht ausgerüstet.

Also ging es nach Tbilisi. Georgiens Hauptstadt ist einer jener wenigen Orte, wo ich mir vorstellen kann, zu leben (abgesehen von Wien, weil Wien einfach die beste Stadt zum Leben ist).

In Tbilisi kann man mit nur einem Blick ein modernes Prestige-Hochhaus, ein abgewohntes, selbst gebautes Mehrgenerationenhaus und ein Hipster-Café sehen, ohne den Kopf zu wenden. So nah ist hier Immobilienentwicklung(Spekulation), Armut und Gentrifikation beieinander. Ahja und zwischendrin überall 100 Jahre alte Bäume, Graffitis und random wachsende Weinreben.

Der Zug war diesmal ein alter chinesischer, gemütlich zum Sitzen. Leider waren alle Fenster so beschlagen/dreckig, dass wir die tropische Vegetation und die süßen alten Bahnhöfe entlang der Strecke nur erahnen konnten.

In Tbilisi haben wir dann erstmal Großstadtflair und Soviet-Chic genossen, Ausfahrten mit den Seilbahnen gemacht und Kindersicherungen für Steckdosen gekauft. Ich wäre beim Wildpinkeln fast von streunenden Hunden gebissen worden und bin in einem öffentlichen Klo eingesperrt worden. Zum Glück waren Romed und Gusti noch relativ in der Nähe und haben mich befreit – den Geruch hab ich trotzdem noch etwas in der Nase mit herumgetragen.

Der „Turtle-Lake“ hat zwar keine Schildkröten, ist aber ein super Hänemattenplatz

Außerdem haben wir wieder einige Sachen mit Saskia und Isaac unternommen. Für Romed und mich war das Highlight, dass die beiden sich bereit erklärten, Gusti für eine Stunde zu beaufsichtigen, während wir ins Schwefelbad gingen. Mangels Möglichkeiten war Gusti überhaupt erst ein paar Mal in seinem Leben bei wem anderen außer uns beiden und bei wem Nicht-Verwandten sowieso noch nie. Ein bisschen irritiert war ich schon, dass er gar keine Miene verzogen hat, als wir uns verabschiedet und auch nicht, als wir uns wiedergesehen haben. Aber gut, so ist es mir lieber als andersrum und schließlich hatte er die zwei ja schon ausgiebig kennengelernt. Und Romed und ich haben das Hammam sehr genossen, Romed ist ordentlich durchgeschrubbt worden.

Dach der Schwefelbäder
Ciao Gusti!
Mci Fan

Wir haben Saskia und Isaac als Dankeschön noch zum Essen eingeladen, es war gleichzeitig unser Abschiedsessen, denn Isaac ist heimgeflogen und Saskia weiter nach Armenien gefahren. Schön wars mit euch beiden!

Gleich darauf wars aber auch Zeit, eine andere Reisebekanntschaft wieder zu treffen.

Als wir in Batumi waren, hat Romed vor unserem Apartment-Hotel eine alten LT erspäht, die Familienkutsche seiner Kindheit. Da mussten wir kurz schauen gehen und haben so Lena, Pascal und Wolf Piet aus Deutschland getroffen, die auf Weltreise sind. Wolf Piet war zu dem Zeitpunkt 7 Wochen alt und kam in Georgien zur Welt. Elternschaft, insbesondere Mutterschaft finde ich, verbindet ja sehr. Nachdem mein eigenes Wochenbett damals nicht einfach war, weiß ich, wie wichtig Austausch mit anderen Müttern sein kann – egal wie gut oder schlecht frau sich fühlt – und so hatten Lena und ich viel Gesprächsstoff, der uns beiden viel bedeutet hat.

Wir haben uns dann in Tbilisi wieder was ausgemacht, waren spazieren (die „Chroniken Georgiens“ besichtigt), gut Essen (das Chveni, unser altes Lieblingslokal von damals hat Käse-Khinkali in Käsesauce!) und haben in unsrem Apartment den Wolfi in den Schlaf gewiegt. Und wie alle Eltern von schon größeren Babys haben wir zu Lena und Pascal gesäuselt: „Ach, man vergisst ganz, wie klein die mal waren!“

Wir haben die drei sehr schnell ins Herz geschlossen und hoffen, dass sie auf ihrem Weg Richtung Deutschland in Wien vorbeischauen, wann auch immer das dann sein wird.

Im Chveni, wie es für Eltern typisch ist, schenken wir Wolfi ein Leiberl, das Gusti zu klein ist.
Die Chroniken Georgiens

Schließlich haben wir frühmorgens unser geliebtes Hinterhof-Apartment und Tbilisi hinter uns gelassen und den 6:30h Zug nach Borjomi genommen. Aber davon lass ich den Romed wieder berichten.

Doğu

Nach unserem mittelprächigen Ausflug in die Welt des Cluburlaubs waren wir zumindest gut ausgeruht und bereit für den beschwerlicheren Teil der Reise. Mit Taxi und S-Bahn ging es erst nach Izmir, der drittgrößten Stadt der Türkei. Wir waren angenehm überrascht, nach dem sehr touristischen und unsympathischen Kusadasi gefiel uns das bisschen was wir von der Stadt sahen. Schon die Fahrt hin war für Gusti ein Abenteuer, er wurde von Wildfremden geherzt und geknuddelt, nur die junge iranische Ärztin, die laut Eigenangabe „mit Kindern üben muss“, fand er auch ein wenig unbeholfen und so wurde für sie nichts aus einen Richtungswechsel zur Pädiatrie. Wir hatten aber ein spannendes Gespräch mit ihr über die Situation in ihrer Heimat. Sie war auf der Heimreise, und konnte sich nicht aus vollen Herzen darüber freuen.

Besonders schön in Izmir waren die Fährfahrten über die große Bucht. Obwohl zugegebenermaßen hat es uns auch das große, moderne Einkaufszentrum angetan, Starbucks, Decathlon und H&M gaben uns ein Gefühl der Vertrautheit. Nach über einem Monat Reisen tat uns das gut und wir konnten verlorene und kaputte Ausrüstung ersetzen.

Nachdem wir die letzten Tage weit ab vom nächsten Bahnhof verbrachten, war es auch schwierig auf der Seite der tükischen Staatseisenbahn, TCDD, Tickets zu kaufen. Der Nachtzug nach Ankara, der İzmir Mavi Treni, war auf die nächste Woche ausgebucht. Das kann einem bei uns auch passieren, mir wurde aber gesagt, dass es in der Nebensaison immer Tickets für den Schlafwagen gibt. Der Ausblick auf eine ganze Nacht im Sitzwagen oder die weite Strecke im Bus hat uns nicht sonderlich motiviert. Wir spielten wieder mit dem Gedanken, zurück nach Griechenland zu fahren, Georgien vielleicht ganz sein zu lassen, wir wollten nicht länger in dem Gebiet bleiben. Der Feiertag der Jugend, des Sports und an das Gedenken an Atatürk stand auch an, vielleicht war deswegen alles ausgebucht.

Kein Ticket für uns

Es war dann aber ganz undramatisch, am Tag vor der geplanten Weiterreise wurden wieder Abteile frei und wir waren schon unterwegs. Zumindest nach Ankara, weiter in den Osten, für den Doğu Ekspresi, gab es wieder keine Tickets.

Aber im blauen Zug war alles super, wir haben uns noch ein super Abendessen geholt, und sind dann den Sonnenuntergang entlang in unserem gemütlichen, großen Schlafwagenabteil Richtung Hauptstadt gefahren.

Am großen, modernen Bahnhof in Ankara verstand uns zwar am Schalter auch niemand, aber wir konnten dort ein Abteil für uns alle drei buchen. Im türkischen Liegewagen muss bei der Buchung das Geschlecht angeben werden, und das System ließ kein gemischtes Abteil zu. Wir mussten, um ein Abteil für uns gemeinsamzu haben, 4 Tickets kaufen, insgesamt € 65 waren dafür auch nicht schlimm. Der einzige Nachteil war, dass wir zwei Nächte in Ankara verbringen mussten, worauf wir nicht so große Lust hatten.

Vier Tickets für uns!

Die Stadt hat uns dann aber positiv überrascht, auch wenn es nicht immer einfach war sich zurecht zu finden. Dadurch dass Ankara in den letzten 100 Jahren von 20.000 Einwohnern auf 4 Millionen gewachsen ist, war das ganze ein wenig durcheinandergewürfelt, große Projekte reihten sich aneinander, nicht immer zusammenhängend. Es blieben aber noch einige interessante Parks und Spielplätze übrig, das hat uns schon gut für zwei Tage beschäftigt.

Der arme Gusti!

Wir waren auch recht viel unterwegs, da unser AirBnB recht mies war. Dafür war nichts in der Stadt besonders teuer und wir ließen es uns gut gehen. Vor allem das ein bisschen aus der Zeit gefallene edle Bahnhofsrestaurant hat es mir sehr angetan. Mit Einheimischen sind wir dort eher nicht ins Gespräch gekommen.

Kinderbetreuung am Bahnhof

Wir waren dann recht froh, als es weiter ging, der Ostexpress brachte uns ein deutliches Stück näher an unser Ziel.

Ich wurde ein bisschen nostalgisch, 10 Jahre zuvor bin ich in die ähnliche Richtung mit den Transasia-Express nach Teheran gefahren. Der Speisewagen wurde leider ein wenig downgegradet, aber es war noch immer super zum Teetrinken, Landschaft schauen und zum Unterhalten.

Gusti war der Star des Zuges, er wurde geherzt, geknuddelt, entführt, aber immer wieder zurückgebracht.

Saskia aus Berlin hat sich gefreut, sich wieder mal auf Deutsch unterhalten zu können, wir haben eine ähnliche Route geplant. Sie fährt aber bis zur Endstation des Zuges, nach Kars, von dort geht es dann auch nach Georgien. Uns war die Ankunftszeit dort aber zu spät, wir wollten es mit Gusti eher ruhig angehen. Wir haben uns aber schon ein Wiedersehen in Georgien vereinbart, vielleicht können wir gemeinsam wandern gehen.

Erzurum war dann eher unspektakulär, wir haben ein sehr schönes, gemütliches Hotel gefunden und sind nur zum Essen raus. Nur, eine Freudin aus alten United Games Tagen, kommt ursprünglich von dort und hat uns viele Empfehlungen geschickt, die sich leider nicht alle ausgingen.

Der Nachteil von der Route über Erzurum ist, dass es von dort nur mit kleinem Dolmus/Minibus weiter geht. Eigentlich gäbe es von Kars bereits eine neue Eisenbahnlinie nach Tbilisi, der Personenverkehr wurde aber aus unerklärlichen Gründen noch nicht aufgenommen. Die dafür gedachten edlen Schlafwagen sahen wir schon auf unserer letzten Reise in Baku rumstehen, aber die sammeln leider nur Rost.

Der Bus brachte uns dann nach einmal Umsteigen nur nach Hopa, der letzten Kleinstadt vor der Grenze. Eine Mitreisende aus Istanbul verhandelte einen guten Tarif für uns, deswegen fuhren wir dann mit dem Taxi zur Grenzstation. Kaum ausgestiegen, stürmten dann einige Gepäckträger auf uns zu und versuchten auf Russisch ihre Vorzüge zu beweisen, ganz enttäuscht ließen sie aber wieder von uns ab, nachdem ich die Räder von unserem Gefährt wieder aufsteckte und Sack und Pack selbst verlud.

Nun waren wir an der Grenze von Sarp/Sarpi, ein Riesenareal mit kilometerlangen LKW-Staus. Es ist die Hauptroute von der Türkei in den Kaukasus und bis nach Russland, es war einiges los. Zu Fuß ging es durch einen Fughafen-ähnlichen Komplex über die Grenze, relativ unspektakulär und wir haben keine Fotos gemacht.

Ein weiteres, etwas überteuertes Taxi weiter in Batumi waren wir endlich angekommen. Wir lieben Georgien, und auch wenn Batumi als Schwarzmeer-Las Vegas sicher nicht unsere liebsten Seiten des Landes verkörpert, es gab Khinkhali und wir hatten den beschwerlichsten Teil der Reise hinter uns. Die nächsten Tage verbrachten wir hauptsächlich mit Essen: Georgisch, Ukrainisch und beim McDonalds waren wir nur wegen der herausragenden Architektur.

Russisch ist wesentlich präsenter als bei unserem letzten Aufenthalt, oder wir verstehen mehr, Duolingo sei Dank bringt es mir zumindest mehr als Georgisch. Es sind viele Ukrainer, aber vor allem auch junge wehrfähige Russen, kriegsbedingt nach Georgien geflüchtet/ausgewandert. Den Graffitis nach zu beurteilen ist die heimische Bevölkerung sehr auf der ukrainischen Unterstützerseite, die Länder teilen auch eine schwierige Geschichte mit dem großen nördlichen Kolionalreich.

Wir fuhren aber recht rasch weiter nach Kutaisi, eine Stadt, die bei unseren letzen Besuch einen schönen Eindruck hinterlassen hat.

Auch wenn Georgien kein Eisenbahnparadies ist, wir hatten dann wieder einen großen, modernen Zug, mehr noch, Barbara aus Russland hatte einen riesigen Sack Spielzeug mit und hat gern mit Gusti geteilt.

Das Experiment

Da sind wir also: im All Inclusive. Wie hat es uns denn hierher verschlagen?

Wer uns etwas kennt, weiß, dass wir noch nie Cluburlaub gemacht haben. Wir buchen meistens nichtmal Hotels mit inkludiertem Frühstück, geschweige denn so ein Gesamtpaket.

Wir sind nach zwei kurzen Fährfahrten und einer Nacht Zwischenstopp auf Samos in der Türkei angekommen.
Wir haben nie geplant, mehr Zeit hier zu verbringen, uns zieht es nach Georgien.
Am Sonntag war aber die Wahl hier, in Österreich ist eh überdurchschnittlich viel berichtet worden. Wir waren uns nicht sicher, was diese bringen wird, zwischen kollektiver Feierlaune und Eskalation alles vorstellbar.
Also haben wir uns entschieden, den Wahlsonntag und die Tage danach in einem All Inclusive zu buchen – falls irgendwas ist, müssen wir nichtmal raus aus dem Areal und können uns sicher fühlen.
Außerdem, so haben wir mehrmals sinniert, muss es doch einen Grund geben, warum die meisten Familien auf diese Art urlauben! Wir MÜSSEN das einfach mal ausprobieren, gehört zur Lebenserfahrung, oder so.

Naja, die Wahl war dann ja etwas antiklimaktisch und wir fühlen uns nicht unsicher was die politische Lage betrifft.
Und ein Experiment ist es allenfalls. Ich sitz hier grade mit Gusti am Pool und schaue der Animation (Tanzen am Pool) zu. Alle trinken zuckersüße Cocktails und ich als einzige Mineralwasser (Romed ist inzwischen auf den Geschmack der Vodka-Slushies gekommen, den Geheimtipp hab ich von den polnischen Partytypen abgeschaut).


Romed hat gestern gesagt, er ist richtig erleichtert, dass es ihm nicht taugt – er hatte Angst, zu entdecken, wie toll All Inclusive ist und dann nicht mehr unsere Art von Urlaub machen zu können.


Ich würde mal sagen, die Gefahr besteht nicht.
Obwohl ich durchaus die Vorzüge erahnen kann – wenn man ca. 3x so viel ausgibt wie wir jetzt. Es ist alles mäßig bis schlecht und eigentlich müsste man halt trotzdem irgendwie immer extra was zahlen.
Sicher ist da die 24h Kaffeemaschine, aber der Kaffee ist schlecht, türkischer Kaffee kostet extra. Und so setzt es sich fort.
Das Essen ist so lala (hauptsächlich auf britische Geschmäcker abgestimmt), die Animateur*innen cringy, das Personal übertrieben freundlich – ich bin nicht sicher ob das eine Frage der Hotelkultur ist oder sie halt massiv um Trinkgeld buhlen.
Ein culture clash ist es auf jeden Fall mit uns – bei jedem Essen putzen wir pflichtbewusst Gustis Patzerei weg, weil wir es furchtbar unhöflich finden würden, alles so zu lassen. Das Hotelpersonal will es uns aber nicht machen lassen und so ist jede Mahlzeit ein Tanz der peinlich berührten Gesten um Gustis Essenshauferl.


Apropos, Gusti taugts hier extrem – beim Hotelbuffet gibts immer Babygeeignetes, alle finden ihn süß und grinsen ihn an und er hat viel Bewegungsfreiheit. Ich frage mich ständig, wann denn die Fremdelphase anfängt, denn Gusti liebt die Aufmerksamkeit von allen Seiten – ich sage ihm immer, das hat er von seinem Papa.



Kuşadası, oder zumindest der Bereich, in dem das Hotel ist, ist auch so gar nicht unseres. Die Strandpromenade, wo überall Ramsch verkauft und mit English Breakfast geworben wird macht uns ganz aggressiv, weil wir alle paar Meter von Touts angesprochen werden. Ich finde das ist so ein grässliches Phänomen, wenn ich wo essen gehen will, dann gehe ich dort hin, ich muss mich nicht von einem Typen hineinlocken lassen mit irgenwelchen doofen Sprüchen. Alles hier ist schirch und abgestimmt auf Geschmäcker, die nicht unsere sind – und ich hoffe,dass es auf unseren nächsten Stopps in der Türkei anders ist, denn sonst habe ich ein wahrscheinlich verfälscht schlechtes Bild von diesem Land.



Das Hotel selbst ist übrigens eigentlich gar nicht schirch, es war bestimmt mal total schick, aber es ist einfach sehr abgenutzt und vieles nicht zeitgemäß. Ein ganzes Stockwerk ist de facto ungenutzt als „TV Room/Sitting Area“. Beim Pool gibt es einen Fotoservice wo man sich nach einem kleinen Shooting direkt die Fotos ausdrucken lassen kann (hier sitzt den ganzen Tag ein älterer Herr ohne jegliche Aufgabe), Süßspeisen sind „stylisch“ in Wegwerfbechern mit Plastikbesteck angerichtet, obwohl daneben das normale Besteck steht. Für die Arkadenspiele zahlt man extra. Die Essenzeiten passen für uns als Jungfamilie gar nicht (Frühstück erst um 7.30! Abendessen erst um 19.30!). Am traurigsten ist aber der Spabereich. Als ich an unserem ersten Tag bei der jungen Frau an der Spa-Rezeption nach einer Massage fragte, war sie so nett und erfreut. Ich habe sie dann aber doch nicht gemacht, weil 75€ waren mir einfach zu viel (vor allem weil damit geworben wird, dass Spa inkludiert ist). Seitdem schaut sie mich bei jeder Begegnung mit so einem erwartungsvollen Blick an. Ich glaube, dass in der ganzen Zeit niemand eine Massage gebucht hat. Gestern ist sie dann mit der Masseuse ganz hektisch am Pool herumgewuselt und hat „free try massages 5 minutes!“ angeboten, um irgendwen einzufangen.

Ob wir so schnell wieder All Inclusive wagen, bezweifle ich. Ich schaue mich um, in die Gesichter der Leute, die um mich herum am Pool sind – die englische Familie, wo weder Eltern noch Kinder Spaß zu haben scheinen, die irische Großfamilie, die in der Sonne brät, die Gruppe polnischer Männer mittleren Alters mit den Hüten, wo ihre Namen drauf stehen, die die Poolbar leer trinken und ihre eigene Musik machen… und mitten drin wir, die das nackerte Baby herumkrabbeln lassen, über das schlechte Wifi jammern, ihre Wäsche mit der Hand waschen und am Balkon aufhängen und sich nach Bus- und Zugverbindungen erkundingen, die sich das Hotelpersonal gar nicht erklären kann („nach Selcuk“ – „nach Ephesos?“ – „Nein, wir wollen nach Selcuk“ – „???“)

Es sind einfach Welten, die hier aufeinander prallen. Ich verstehe nicht, warum die Irinnen mit den Haarextensions und den falschen Wimpern bei der Animation mit den Poolnudeln mitmachen und sie verstehen nicht, warum ich mit den gefladerten Wegwerfschlapfen aus dem vorherigen Hotel und unrasierten Beinen herumrenn. Und das ist auch ok so.
Und mir wird klar, dass das hier für uns nur ein kurzer Zwischenstopp unseres Abenteuers ist. Aber für die anderen ist es wahrscheinlich ihr ganzer Urlaub. Das hier ist alles. Ich hoffe einfach, dass sie Spaß haben, das beste aus den inkludierten Cocktails machen und bin dankbar für unsere Reise, die anders ist. Morgen geht es weiter.
Jetzt muss ich aber aufhören, das Zeitfenster für gratis Eis am Pool hat begonnen!

Ikaria

(Leider ohne Fotos, unser Internet ist gerade zu schlecht)

Ikaria ist die griechische Insel, von der wir nicht wissen, ob wir sie empfehlen sollen. Sie erfüllt alles, was wir uns von Urlaub wünschen, aber das liegt auch daran, dass sie relativ unbekannt ist und dementsprechend wenig überlaufen. Jetzt, im Mai, ganz besonders.
Ich denke bei unseren Reisen in letzter Zeit immer wieder an dieses Zitat, anscheinend von Hans Magnus Enzensberger: „Der Tourist zerstört das, was er sucht, indem er es findet“. Dies beschreibt mehr die Situation in Barcelona, Amsterdam oder Venedig, aber es wäre schlimm, wenn Ikaria das Schicksal von Mykonos blüht.

Zum Glück sind sie hier noch weit weg von blauweißer Kunstkulisse, Hotelkomplexen und privatem Strandzugang. Aber wenn man mit Einheimischen hier spricht, auch hier war Covid wirtschaftlich hart und sie hoffen auf eine starke Sommersaison. Der Strandourismus war anscheinend ganz ok, aber die Weinfeste fielen aus.



Vor sechs Jahren waren wir hier auf Flitterwochen, die Sorge war groß, dass der damalige Urlaub idealisiert in Erinnerung blieb und die Insel nicht mehr unseren Erwartungen entspricht. Aber die war unbegründet, obwohl wir uns dieses Mal nicht literweise Rotwein eingeschenkt haben, haben wir wieder wunderschöne Erinnerungen gesammelt. Es dreht sich natürlich alles um Gusti, aber wenn er joghurtverschmiert, nackt und lachend über die Terrasse krabbelt, dann möchte ich das niemals vergessen.

Die Reise her war wieder ein bisschen beschwerlicher. Es gibt zwar einen kleinen Flughafen an der Nordspitze der Insel, aber das war uns zu fad. Leider hat die derzeit einzige Fähre von Athen eine Abfahrt um Mitternacht, das ist schon ohne Baby eine Herausforderung. Mit Baby haben wir uns zur Sicherheit ein Zimmer im drittschlechtesten Hotel von Piräus genommen, leider haben wir nicht nach dem Stundentarif gefragt, sondern für die ganze Nacht mit Check Out um 23:30 gebucht. Wenn es schon nicht ganz sauber war, waren wir dann doch sehr erleichtert, dass es keine Ungeziefer gab. Bettwanzen ist jetzt noch mehr Horrorvorstellung als früher.

Verglichen mit dem Hotel war unsere Kabine auf der Fähre dann Luxus, mit der bisher besten Dusche auf dieser Reise. Zu perfekten Frühstückszeit kamen wir dann in der Hauptstadt von Ikaria, Agios Kirykos an. Pancake-Berge und Capuccinos hießen uns wilkommen. Das Apartment in der Altstadt, in dem wir einen Teil unserer Flitterwochen verbrachten, gibt es noch, es gehört aber einer Frau, die eigentlich in Brüssel lebt und die Wohnung als sehr abgelegenes Wochenendhaus nutzt.



So sind wir zum Ankommen ein paar Nächte in der Pension Akti am Hafen geblieben, es war schön, die Gegend wieder zu entdecken. Leider war das Wetter für Mai besonders frisch, deswegen war es praktisch, dass es dort ein paar Thermalquellen im Meer gibt. Gusti ist eine ziemliche Wasserratz, er pritschelt gern und lang. Das konnte er dann zur Genüge in der Woche, die wir auf der Nordseite der Insel, in Nas verbrachten. Mit einem kleinen Mietwagen konnten wir Ausflüge machen, verbrachten aber viel Zeit auf besagter Terasse mit Strandblick und der Gusti hat das Wäschschaffel dort für sich vereinnahmt. Er kann inzwischen mit Anhalten seitlich nach links gehen. Er manövriert sich dabei immer wieder in ein Eck und kann dann nicht weiter, also sind wir noch relativ sicher, dass er uns nicht abhaut. Zumindest nicht gehend, krabbelnd ist er schon richtig schnell und hat ein gutes Gespür für Dinge, die nicht babytauglich sind.



Eine Wanderung, die wir vor ein paar Jahren locker geschafft haben, war mit Gusti etwas schwieriger. Aber dann haben wir schöne Stunden in der Hängematte bei einem Gebirgsbach verbracht, und sind am Abend dann mit dem Auto für ein schwer verdientes Abendessen zu unserem eigentlichen Ziel gefahren, einem Bergdorf oberhalb der Schlucht neben unserem Apartment. Ein dort urlaubender Waliser war sich sehr sicher, dass ich keltisches Blut in mir trage, und hat mir kennend den roten
Bart gekrault. Tendentiell haben wir sehr schräge Menschen getroffen, eine amerikanische Schriftstellerin mit griechischen Wurzeln, die ihr letztes Buch vor ihrem natürlichen Ableben auf der Insel fertig schreiben will. Darin wird es ein Rezept für Weltfrieden geben, nur so viel sei schon verraten, Essen spielt eine zentrale Rolle. Vareniky für Frieden!

Bodenständiger hat mir Kostas von seiner Insel erzählt. Früher hatte er einen kleinen Laden auf der Insel, bis er von einer amerikanischen Familie als Immobilenverwalter und Handwerker angeheuert wurde. Er hat mehr als genug zu tun, aber für einen Kaffee ist immer Zeit. Auf einer Insel mit nur ca. 8000 Einwohnern kennt man sich schnell, wir sind uns immer wieder begegnet.

Irgendwann bleib i dann durt war aber nicht so stark spürbar, das Gespräch mit Aussteigern aus Süddeutschland hat mich doch träumen lassen. Aber noch ists nicht so weit, wir wollen außerdem wirklich weiter nach Georgien. Iris und ich spielen uns den Ball immer wieder zu, wenn sich eine von uns wünschen würde, den restlichen Urlaub auf Ikaria, oder zumindest in Griechenland zu verbringen, der andere wäre schnell überredet. Aber wir haben das Ziel, und mit dem Argument, dass wir leichter wieder hier her kommen, als in den Kaukasus, zieht es uns dann weiter in die Türkei. Für uns stellt sich nur die Frage: Vor oder nach der Wahl?

Wackel und Zahn(radbahn)

Die Überfahrt von Bari nach Patras ist wunderbar verlaufen, die Nacht war (gusti-verhältnismäßig) ruhig und den kommenden Vormittag haben wir noch in unserer Kabine gechillt. Die planmäßige Ankunft um 13 Uhr passte uns perfekt und wir waren dann sogar früher da.
Von Patras haben wir nicht viel gesehen, wir sind eine kaffige Küstenstraße entlang zum Busbahnhof marschiert, wo es auch super geklappt hat, den Bus 30min später nach Egio zu finden. Die einstündige Fahrt war bisher Gustis längste, wir konnten ihn aber gut beschäftigen und waren dann auch schon in Egio (auch Aigio transkribiert).
Dort mussten wir eine Stunde auf den Bus nach Rizomilos warten, aber haben inzwischen gut eingekauft. Unser erster Supermarktbesuch in Griechenland, da haben wir natürlich sofort Tsatsiki, gefüllte Weinblätter, Sesamringe und – unser allerliebster Reisesnack – eingelegte Riesenbohnen geholt. Ich liebe die griechische Küche einfach!

In Rizomilos waren wir zwei Nächte in einem hübschen Haus mitten im Nirgendwo und haben erstmal ein bisschen gechillt, bevor es weiter ging nach Diakofto.

Diakofto ist ein ganz wichtiger Zwischenstopp auf unserer Reise, denn von hier fährt die weltberühmte Odontotobahn nach Kalavryta und Romed träumte wohl schon länger davon, mit der zu fahren. Nachdem alle Inserate für Unterkünfte in der Umgebung damit werben, dachte ich mir, wird wohl was dran sein, und freute mich auch schon drauf.
In Diakofto angekommen fühlte ich mich gleich mal total wohl – es ist ein kleines Städtchen, nichts daran wirkt besonders, aber die Atmosphäre hat ich für mich einfach richtig angefühlt- manchmal habe ich einfach so ein Gefühl von „hier möchte ich gern bleiben“.

Romed ist dann gleich mal zum Bahnhof spaziert, wo oben die Schmalspurgleise für die Odontoto verlaufen und unten der riesige moderne EU-finanzierte Bahnhof für den Personenverkehr. Nur dass hier gerade nichts fährt, da noch immer so viele Strecken wegen dem Unglück von Tembi eingestellt sind. Alle die wir fragen, sagen, sie wissen nicht, wann wieder etwas fährt. Gerade diese Strecke ist eigentlich nigelnagelneu, sie war nur ganz kurz in Betrieb.
Romed kam dann mit einem ziemlich eingeschlafenen Gesicht zurück: ausgebucht! Es gab keine Tickets mehr für die nächsten Tage und es sei noch gar nicht klar, ob am 1. Mai überhaupt Betrieb sei- wahrscheinlich nicht! Er war so schlimm enttäuscht, er hat mir richtig leid getan.


Wir haben aber beschlossen, am nächsten Morgen nochmal zu fragen und sonst im schlimmsten Fall am Tag unserer Abreise zu fahren und dann halt direkt von der Bahn abends nach Athen und zur Fähre weiter… machbar und nicht unpassend, aber mit Gusti meiner Meinung nach eben nicht das entspannteste. Aber mal sehen, dachten wir uns und gingen in unsere sehr schöne Unterkunft.Es ist ein netten Haus in einer Siedlung etwas außerhalb, der Spaziergang hin führt durch lauter wunderbar verwachsene Gärten voll mit Rosenbüschen, Weinlauben und Zitrusbäumen. Und irgendwer ist hier guerilla-künstlerisch unterwegs, denn es gibt angemalte Zitronen und diverse Wassermelonenmotive in der Nachbarschaft zu entdecken.

Ich hab mich auch total gefreut, dass es zwei Schlafzimmer (jeweils Doppelbett) im Haus gibt. Zu dritt in einem normalen Doppelbett ist es halt manchmal doch eng und wenn wir die Möglichkeit haben, dass Romed über Nacht auswandert, schlafe ich in der Regel schon viel besser.
Also bezogen Gusti und ich das eine Bett, Romed machte noch einen Abendspaziergang am Meer und legte sich dann ins andere Zimmer.


Gusti war schon gut eingeschlafen und ich noch am Fernsehen am Handy, da rumpelte es irgendwie und ich dachte mir „Hm, die Waschmaschine schleudert… ach, wir waschen ja gar nicht.“ Ich überlegte dann noch, ob die Nachbarn oberhalb vielleicht waschen… oder ein riesiger LKW vorbeidonnert. Erst als ich sah, wie die Wände sich richtig bewegten, wurde mir klar, dass das ein Erdbeben sein muss. Ich habe in Österreich vielleicht in meinem Leben 2 oder 3 winzigkleine Erdbeben erlebt, gerade so, dass man „irgendwas“ spürt. Aber hier wackelte wirklich das Haus, man konnte es fühlen und sehen und hören.
Aber dann war es auch schon wieder vorbei, Romed ist ins Zimmer gekommen und wir schauten uns kurz entgeistert an, Gusti pennte friedlich weiter.
Google schickte uns sogleich eine Erdbebenwarnung mit Verhaltenstipps und einer ersten Richterskalaschätzung unseres Bebens aufs Handy, da war ich dann doch irgendwie alarmiert – 4,5, das ist aber nicht wirklich schlimm. Trotzdem hat Romed die Nacht dann doch bei Gusti und mir im Bett geschlafen, hat sich dann doch richtiger angefühlt.

Es ist dann aber alles ruhig geblieben, keine spürbaren Nachbeben mehr und auch nirgends etwas kaputt gegangen.
Also sind wir am nächsten Tag früh zum Bahnhof spaziert um zu fragen, ob es vielleicht doch Tickets für den ersten Mai gibt – und siehe da, wir hatten Glück. Ganz selbstverständlich hat uns die Frau am Schalter welche verkauft. Da waren wir richtig erleichert, nicht den ganzen Weg hierher umsonst gereist zu sein und auch noch einen Plan für den ersten Mai haben, wo voraussichtlich alles andere zu hat.

Den restlichen Tag haben wir bei nicht ganz so schönem Wetter mit ein bisschen Spazieren, Kochen und Chillen verbracht.

Hafen von Diakofto

Gestern in der Früh sind wir dann gemütlich los, der erste Zug fährt erst um kurz vor 10 ab. Die Odontotobahn hat vier moderne Garnituren und eine alte, noch fahrtüchtig. Man sieht sie im Depot direkt beim Bahnhof stehen. Um den Bahnhof herum stehen diverse alte Zügen, die vor sich hin rosten.
Fahren tut aber tatsächlich täglich nur eine und das mit nur 3 Wagen. Jeder Platz ist ausgebucht, und habe ich erwähnt, dass es eine Schmalspurbahn ist? Das heißt, viel kleiner als ein normaler Zug. Nun, es war wirklich sehr, sehr kuschelig da drin mit all den anderen Feiertagsausflüglern und Touris. Die Luft war dick, die Fenster zu öffnen nicht erlaubt, Gusti unruhig auf unseren Schößen, da er ja keinen eigenen Sitzplatz hat.

Trotzdem, die Fahrt war wirklich was besonderes. Nur wenige Momente fährt man mit der Bahn durch Diakofto, dann ist man ganz plötzlich in dem Graben drin, der nach Kalvryta führt. Durch hohe, scharfe Felswände tuckelt die Bahn einen rauschenden Gebirgsfluss entlang, alles ist ganz verwachsen von saftigen Bäumen mit Kletterplflanzen. In den Felsen sind immer wieder Höhlen zu sehen, in einer davon kraxelten Ziegen auf und ab.
Es ist also wirklich eine atemberaubende Strecke.
Das besondere an der Bahn ist aber, dass sie teilweise wie eine normale Bahn fährt, teilweise aber als Zahnradbahn. Zwischendurch wird es plötzlich langsamer, rumpelt ganz, ganz leicht und man ist auf dem anderen Antrieb. Hätte Romed es mir nicht (viel ausführlicher als ich hier) vorher erklärt, wärs mir gar nicht aufgefallen.

Ich habe dann, zwischen den anderen Touris, ein paar Fotos von einer der Stellen ergattert, wo der Zahnradantrieb anfängt.

Hier fährt die Bahn auf den Zahnradantrieb auf

In Kalavryta oben war es dann leider regnerisch und nicht sehr spannend, wir waren aber noch im Museum des Holocausts von Kalavryta , hier hat 1943 ein Massaker durch die Nazis stattgefunden. Das Museum ist in der alten Schule, die damals einer der Schauplätze des Verbrechens war und ist klein aber sehr gut gestaltet.

In dem Gebäude wurden damals die Dorfbewohner*innen eingesperrt und die Burschen und jungen Männer zu Exekution abgeführt, alle anderen mussten zurückbleiben. Die Frauen befreiten sich dann aus dem Schulhaus und beerdigten die Toten, die sie am den Klippen vorfanden. Ich stellte mir vor wie es sich anfühlen muss, von seinen Liebsten getrennt zu werden in so einer Situation und zu wissen, dass man sich nicht wiedersehen wird – es war also sehr beklemmend. Das Mahnmal vor dem Museum zeigt die Frau, die ihren toten Ehemann neben ihren Kindern zu Grabe bringt.

Mahnmal von Kalavryta

Dann sind wir auch schon wieder runter gefahren, Gusti war wieder bissi fad. Also hat er kurzerhand Romeds Sitznachbarin geschnappt und angegrinst, sie hat ihn sofort genommen und mit ihm gespielt und ihn gehalten, als gehöre er jetzt ihr. Wir fanden es komisch aber nett, Gusti hat sich riesig gefreut. Er fremdelt einfach noch gar nicht sondern liebt es, die Aufmerksamkeit fremder Leute zu erhaschen und sie zum Lächeln zu bringen. So hatte er also dank seiner Zugbekanntschaften auf der Rückfahrt auch noch ziemlich eine Gaude.

Heute geht es dann weiter nach Athen, wo in der Nacht unsere Fähre nach Ikaria geht. Die Bus- und Zugverbindungen sind leider ziemlich bescheiden, weshalb wir oft umsteigen werden müssen und wohl einige Stunden brauchen werden, obwohl es eigentlich gar nicht so weit ist. Hoffentlich meistern wir diese Etappe auch so gut wie die letzten.

Superfast!

Wir waren doch stark hin und her gerissen, ob wir noch in Italien bleiben wollen, oder ob wir nach Griechenland übersetzen.

Essen gehen mit Kind ist oft einsam.

Schließlich haben wir es doch bei der einen Woche in Lecce belassen und dann eine Fähre von Bari nach Patras gebucht. Oder uns geleistet, denn führ die einfache Überfahrt in einer Kabine löhnt man auch in der Nebensaison € 400. Ohne Fliegen verreisen kann sehr teuer werden. Die Fähre fuhr vom Hafen in Bari, der direkt bei der schönen und belebten Altstadt liegt. Bari war für uns bisher nur ein notwendiger Zwischenstopp, Charme konnten wir nicht entdecken. Das lag aber wohl am Bahnhofsviertel, wo sich internationale Handels- und Hotelketten aneinander reihten. Beim Spazieren durch die Gasserl der Altstadt bekamen wir doch Lust zu bleiben und noch ein bissl Spritz zu trinken, aber wir waren schon auf unserer „Superfast II“ eingecheckt und bereit für die nächste Etappe.

Wichtige Sicherheitsschleuse
Warten aufs Boarding


Gusti fand alles wahnsinnig spannend und ist, zu seinem und unseren Leid, fast sechs Stunden munter geblieben.

Als Erste beim Einsteigen – Dank Baby Priorityboarding

Er war dann auf der Fähre schon so drüber, das extreme Interesse das ihm von den Stewards und anderen Passagieren entgegen gebracht wurde, hat ihn auch nicht wirklich beruhigt. Er bekam dann noch beinahe unbegrenzten Auslauf auf dem Helikopterlandeplatz. Unterwegs finde ich es schwierig, ihm ausreichend Krabbelfreiraum zu lassen, man muss immer abwägen, ob es den Dreck wert ist und babyproof sind die wenigsten Räume, in denen wir uns mit ihm bewegen. Die Bewegung hat ihm aber sichtbar gut getan, auch wenn er danach ziemlich grau war. Ich schwör, er ist auf allen Vieren gekrabbelt, Iris glaubt es mir nicht.


Wenn’s wahr ist, dann kommen wir heute zu Mittag in Patras an. Dort finden wir vielleicht einen Bus nach Egio, dort hoffentlich einen nach Rizomylos. Griechenland ist für uns deutlich schwieriger zu recherchieren, die Sprache ist das eine, aber man findet auch sehr wenig online. Deswegen planen wir jetzt mit einigem Buffer und Zwischenstopps Richtung Athen zu kommen. Unterwegs fahren wir dann mit der Odontoto, was das mit Zähnen zu tun hat, wird Iris im nächsten Beitrag erklären.

Was trinken die Matrosen? In der Kabine gebrühten Kaffee aus der Reise-Frenchpress bei der wir das richtige Verhältnis noch nicht rausgefunden haben.

Langsamer Start in Lecce

Für unseren ersten Stopp wollten wir ganz bewusst das Tempo rausnehmen und haben deshalb gleich eine ganze Woche gebucht – und in Lecce waren wir schon 2021, sodass die FOMO etwas reduziert ist (manche von uns leiden darunter mehr als andere).
Und es war wirklich ein perfekter Start in den Urlaub.
Wir haben die Innenstadt besichtigt, waren gut essen und Kaffee trinken. Lecces Altstadt ist malerisch und verwinkelt.
Im großen Belloluogo-Park haben wir unsere Hängematte aufgehängt und Gusti hat das erste Mal sein Mittagsschlaferl darin gemacht.

Babyschlaf ist ja so ein omnipräsentes Thema, mit dem man sich gar nicht genug auseinander setzen kann. Gusti macht aktuell 3 Tagschläfchen, die untergebracht werden müssen. Für das erste gegen 8 Uhr bleiben wir meistens noch daheim, so ist der Start in den Tag entspannter und wir können danach in Ruhe frühstücken. Bei unserem längeren Tagesausflug nach Otranto haben wir uns zügig in seiner ersten Wachphase zusammengerichtet und er hat dann im Zug gepennt.
Zum Glück schläft Gusti unterwegs auch in der Trage, so sind wir flexibel – manchmal beim Spaziergang, manchmal im Zug. Zuhause oder eben in der Hängematte ist er ein Kuschler, da stille ich ihn zum Einschlafen und bleibe bei ihm liegen, Romed macht derweil Essen oder kauft ein, nicht selten schläft er auch neben uns.
Natürlich läuft es nicht immer reibungslos und manchmal weint Gusti vorm Einschlafen, aber im großen und ganzen haben wir hier eine gute Routine, die halt flexibel sein muss, so wie wir selber auch immer. Mit Baby ist halt vieles zwar abseh- aber nicht planbar.

Nach Otranto sind wir am Freitag mit dem Zug, zwei mal umsteigen mit Regionalverbindungen, die letzte war ein absolut klappriger alter Schienenbus, dessen Dieselmotor so manche Unterhaltung übertönt hat. Romed hats natürlich getaugt.
Otranto selber fanden wir dann ganz nett, aber eigentlich etwas enttäuschend, einfach nicht so herausstechend wie zb Siracusa oder Taormina.
Romed hatte dann eh schnell einen Plan, der uns aus der Stadt herausführte. Irgendwo hatte er etwas von unterirdischen Gräbern gelesen, die auf einem Privatgrundstück sind und durch Wohlwollen der Besitzerin besichtigt werden können, wenn man fragt. Soweit, so gut, sind wir also aus der Stadt hinaus spaziert, ein bissi ins nirgendwo unter einer Autobahnbrücke durch bis wir zwischen viel Gebüsch ein Schild zum richtigen „Agroturismo“ erspähten.

Dort sind wir rein und plötzlich schien die Zeit stehen geblieben.
Wir waren an einer kleinen Rezeption, zwischen Kästen aus denen alte Dokumente herausquollen, auf jeder Fläche verstaubte Dekoartikel mit mehr oder weniger Geschmack. Wir blickten auf eine überdachte Terasse, die nach Hochzeitslocation aussah – aber als wäre sie aus einem postapokalyptischen Film. Jeder wackelige Tisch eine andere Tischdecke, vergilbte Sesselverzierungen, zerrissene Häckeldeckerl, schiefe Servierwagerl…
Wir fragten leise „Buongiorno?“ Ins Leere, da tauchte die kleine Dame mit dem dicken blauen Eyeliner auch schon auf, laut telefonierend und gestkulierend. Als sie den schlafenden Gusti erblickte, jauchzte sie vor Entzückung und gleich war er wach. Sie schrie irgendwas von wegen „tesoro“ und „bellissimo“.
Die Verständigung reichte dann aber auch noch weiter aus um zu vermitteln, dass wir die Gräber sehen wollten, da drückte sie uns einen Schlüssel in die Hand und sagte, wir sollten drei Stiegen dort hinunter gehen, das wars auch schon.
Wir gingen vorbei an den Veranstaltungstischen durch einen etwas desolaten Garten zu einem Gittertor im Fels, dahinter ein dunkler Gang. Naja und was soll ich sagen, viel mehr war es auch nicht,  ein dunkler Gang in den Fels, nach ein paar Metern einer runder Raum mit einem von einem Feigenbaum verwachsenen Loch nach oben. Irgendwie mystisch und gleichzeitig underwhelming.

Trotzdem war der Otranto Ausflug sehr gelungen, am Rückweg im Zug lernten wir noch ein österreichisches Paar kennen, Erich und Renate, mit denen wir den ganzen Heimweg plauderten. Erich ist ein gleich großer Zugfan wie Romed, da gab es viel zu besprechen. Sie durften auch kurzerhand die Fahrerkabine des Schienenbuses besichtigen, aber „no photo“. Renate übersetzte für sie das Italienisch des Zugchefs.

Nach zwei chilligeren Tagen in Lecce (Eisenbahnmuseum, Park, Essen und Kaffee trinken gehen) haben wir dann noch einen spontanen Ausflug nach Gallipoli gemacht.
Eine sehr hübsche Stadt mit Altstadt auf einer Halbinsel und einem total schönen Stadtstrand, der auch gar nicht voll war.
Mit unserer Decke und Strandmuschel waren wir bestens ausgerüstet trotz Nachmittagssonne ein bisschen Zeit dort zu verbringen.

Am Bahnhof entdeckte ich dann noch einen total schönen verwunschenen Brunnen mit Papyrus und Goldfischen drin, den ich Gusti zeigen wollte. Und wie ich so mit ihm stand (also er stand, vor zwei Tagen hat er einfach so angefangen sich mit Anhalten wo hinzustellen) und er so herzlich lachte und quietschte,  war das plötzlich einer dieser Momente, wo man so unbeschreiblich glücklich und dankbar ist und sich einfach nur für immer daran erinnern können will.
Reisen mit Baby ist anstrengend und anders als früher, aber es ist unbezahlbar zu sehen,  wie Gusti die Welt entdeckt und wie wir uns zu dritt als Familie neu ordnen.

Reisen zu dritt

Iris und ich sind die letzten Jahre, so wie die meisten Menschen, weniger gereist. Bei uns gibt es aber außer Corona mittlerweile einen weiteren Grund, er heißt Gusti, hat schon ca. acht Kilo und ist schon acht Monate alt.


Wir wissen, dass wir uns eine andere Art zu Reisen angewöhnen müssen, aber nur Nestbau und Ausflug zur Familie in die Steiermark kann auch nicht alles sein, deswegen nutzen wir den Beginn meiner Karenz für eine kleinere Reise nach unserem Geschmack, möglichst baby- und elterntauglich. Eine gewisse Entschleunigung tut uns sowieso gut, einer der größten Fehler unserer Reise 2019 durch Zentralasien war sicher, dass wir an keinem Ort länger als vier Nächte blieben. Das wollen wir dieses Mal vermeiden. Wenn wir es bis Ende Juni nach Georgien und zurück schaffen, dann gut, wenn nicht, dann fliegen wir halt wieder mal oder wir werden irgendwie anders umdisponieren.

So der Plan, trotzdem sind wir gleich am ersten Tag der Reise bis nach Lecce in Süditalien durchgestartet. Der Nachtzug brachte uns planmäßig langsam nach Rom. Gusti und ich sind dann zum Vatikan gepilgert, Iris hat sich in einem Stundenhotel erholt, sie war noch ein bisschen krank. Das heißt jetzt übrigens viel edler „day use hotel“, dürfte aber sehr das gleiche sein.


Ein paar Stunden später ging es mit dem unwesentlich schnelleren Frecciargento nach Lecce. Wir haben ein ziemlich günstiges Erste Klasse Ticket bekommen, aber der Zug war sehr beengt und voll, unser Gepäck hatte nirgends Platz – das war aber auch schon der unangenehmste Teil des ersten Reisetags.
Wir sind halt auch mit überdurchschnittlichem Reisegepäck unterwegs. Wir haben einen Radanhänger zum Gepäckwagen umfunktioniert, in dem wir alles, was wir so brauchen und ein bisschen mehr mitschleppen. Theorethisch könnte der Hänger auch als Kinderwagen dienen, Gusti ist aber leider ein ziemlicher Wagerlverweigerer. Deswegen hängt er meistens in der Babytrage an einem von uns vorne dran. Diese Konstellation konnten wir schon vor einem Monat auf Sizilien testen, dort war sogar noch das Gepäch meiner Schwester (und Gustis Patin) Anna aufgeladen.

Wo ist Anna?


Nach fünf Stunden im Pendolino waren wir dann in Lecce.

Der nächtliche Spaziergang durch die Hauptstadt des Salentino tat gut, Gusti war schon längst im Nachtschlafmodus in der Trage. Wir sind dann bei unserem Airbnb-Host Marco angekommen, der uns sein Gästezimmer vermietet hat. Vor der Buchung habe ich mich noch erkundigt, ob er sich mit einem Baby auch gerne seine Wohnung teilen möchte. Na sicher, kein Problem. Dass dieses manchmal zu den unangenehmsten Zeiten schreit, war ihm anscheinend nicht ganz bewusst. Gut, Gusti ist da jetzt nicht das anstrengendste Baby, aber die Nächte sind nicht immer störungsfrei.


Den ersten vollen Tag hier sind wir sehr ruhig angegangen, bei Caffe Leccese, Focaccia und Pasticciotto haben wir Orte wiederentdeckt, die uns bei unserem ersten Besuch vor zwei Jahren schon gefallen haben. Das wünschen wir uns von dieser Reise, wir möchten mit Gusti Orte besuchen, die uns zu zweit schon sehr gut gefallen haben, wo wir es uns nur dachten und dann auch immer öfter ausgesprochen haben, dass wir dann mal mit Familie zurückkommen möchten. Gleichzeitig hoffen wir, neue Orte zu entdecken und Erinnerungen zu sammeln.

Wir freuen uns über Kommentare und Nachrichten von euch.

Wien, Wien, nur du allein

Inzwischen sind wir gut zuhause angekommen, sind von Tami mit Kaffee und Apfelstrudel empfangen worden, waren mit meiner Mama in unserem Lieblingsgasthaus Wienerisch essen und haben ganz viel in der Wohnung aus- und herumgeräumt. Wir wurden gleich mal von einer Lebensmittelmottenplage begrüßt, unsere Rucksäcke sind im Wohnzimmer explodiert und ganz viel Wäsche will gewaschen werden. Ach, die Reisenachbereitungen sind ein Stressfaktor für sich.

Leider war die letzte Woche unserer Reise ein bisschen gebremst, aber das ist schon ok so, einerseits haben wir Lviv ja schon gekannt und andererseits nehm ich das als Wink mit dem Zaunpfahl von meinem Immunsystem, dass es nach Hause wollte.

Die letzten Tage in Lviv war ich ziemlich wehmütig, eigentlich eh schon seit Georgien immer wieder. Ich habe diese Reise – zum Großteil – sehr genossen und bin traurig, dass sie jetzt vorbei ist. Wir haben so viel erlebt, Gutes und Schlechtes, aber ich bin für alles dankbar (außer vielleicht für das Kohlenmonoxid, das hätt ich nicht unbedingt gebraucht).

Erstaunt bin ich, dass wir vier Monate unterwegs waren, es kommt mir gerade mal vor, als wären es vier Wochen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach dieser Zeit eigentlich noch gar nicht reisemüde bin.

Vieles hat mich in diesen vier Monaten überrascht. Zum Beispiel, wie leicht es mir dann doch immer wieder gefallen ist, aus meiner Komfortzone herauszugehen und die allseits bekannte Magie abseits davon zu entdecken. Als Hypochonder in lauter Länder mit niedrigen Hygienestandards und schlechtem Gesundheitssystem zu reisen mag kontraproduktiv erscheinen, war es aber nicht. An vieles gewöhnt man sich oder findet das richtige Mindset.

Ich bin froh, dass ich zum Beispiel keine Person bin, die ein riesiges Trara draus machen muss, dass sie auf ein Hockerlklo gehen muss und dass es kein Drama für mich ist, wenn mehrere Klos ohne Sichtschutz nebeneinander sind. Dann ist man halt dabei, wenn eine fremde Person scheißen geht, das ist für viele Menschen auf der Welt ganz normal.

Überhaupt, am stärksten und allgegenwärtigsten auf dieser Reise war eh meine eigene Privilegiertheit. Es ist schon was anderes, wenn man zwar in der Theorie immer weiß, dass man als in Mitteleuropa geborene Mittelschichtsperson sehr, sehr privilegiert ist. Es aber jeden Tag, in fast jeder Alltagshandlung zu spüren, dass mein Lebensstandard – von Wasserklos über sauberes Trinkwasser bis hin zu leicht zugänglichen Diskursen über Feminismus und Gleichbereichtigung – absolut nicht die Norm ist, das macht nochmal ganz anders dankbar. Ein Privileg ist auch, dass ich diese Reise überhaupt machen konnte, auch das ist mir bewusst. Ich bin froh, dass Romed und ich uns bemüht haben, aufs Fliegen zu verzichten und unser Geld in lokalen Tourismus zu stecken, damit zumindest ein bisschen was davon nachhaltig ist und den Menschen vor Ort tatsächlich was bringt. Natürlich geht das nicht immer und so haben auch globale Konzerne von uns profitiert und unser ökologischer Fußabdruck ist nicht winzig, da dürfen wir uns nichts vormachen. Und wir haben viel zu viele Plastiksackerl verbraucht, aber wer schon mal in diesen Ländern unterwegs war, weiß, wie schwer es ist, sie zu vermeiden.

Am meisten überrascht hat mich aber die Tatsache, dass ich eigentlich gar nicht unbedingt heimwollte. Ich habe das Gefühl, ich könnte noch ewig weiter unterwegs sein und Heimweh hab ich irgendwie seit zwei Monaten schon nicht mehr verspürt. Aber ich freute mich auch auf Zuhause, auf Wien, auf all die vertrauten, lieben Menschen, die ich sehr vermisst habe. Und darauf, dieselbe Sprache zu sprechen, wie die anderen. Und auf Schwarzbrot und zuckerfreie Lebensmittel und leckeres Leitungswasser. Gut, es ist schon schön, heimzukommen. Vor allem, wenn man in Wien wohnt.

Und so sind wir jetzt wieder da, unsere Reisekassa hat ab- und unsere Bäuche und Souvenirsammlung ordentlich zugespeckt und wir haben viele schöne Erinnerungen an diese intensive Zeit. Jetzt heißt es aber mal zurück in den Alltag – und die nächste Reise kann man ja schon langsam zu planen anfangen…

Achja, und als kleines Fun Fact habe ich eine Sammlung mit allen Sachen, die wir auf der Reise verloren haben:

1 Jacke
1 Kleid
1 Insektenstich-Hitzestift
1 Paar Bluetoothkopfhörer
die Box von den nachgekauften Bluetoothkopfhörern
unzählige Oropax
2 Paar Socken
1 Unterhose
Romeds Kapperl (wiedergefunden)
Romeds Ehering (wiedergefunden)
Iris‘ kasachische SIM-Karte
Iris‘ österreichische SIM-Karte

kaputtgegangen sind außerdem:
1 Rucksack
andere (!) Bluetoothkopfhörer
1 Geldbörsl
1 Wäschesackerl
1 Paar Schuhe
3 Socken
1 Tupperdose
2 Paar Strumpfhosen
unsere Eheringe (haben wir versehntlich ins Schwefelbad getaucht, man kann sie aber angeblich wieder polieren)

 

(Iris)

Wirklich (fast) zuhause

Streng genommen sitzliegen wir grad in unserem Schlafwagen in Budapest, ich war schnell vor dem Bahnhof Kaffee holen, und versuche nun abschließende Worte für diese Reise zu finden.

Die letzten Tage in der Ukraine haben wir nicht mehr viel erlebt. Erst war Iris erkältet, Ivano-Frankivsk, dieses „neue, bessere Lviv“ konnte ich für mich allein entdecken. Hat durchaus was Nettes, zahlt sich für ein paar Tage aus Zwischenstopp zu machen, aber ist eher keine eigene Reise wert.

In Lemberg waren wir dann auch fast 24h beide gesund, bevor es mich erwischte. Zum Glück hab ich Iris vorher sehr gut gepflegt, und sie freute sich darauf, mich zu pflegen. Die gesunde Zeit konnten wir nutzen, dass wir wieder in unser Lieblingrestaurant, dem Baczewski dinierten. Dadurch, dass man in der Ukraine meistens Alkohol und alles andere auf getrennten Rechnungen bekommt, fiel es auf, dass wir mehr getrunken als gegessen haben.

Am nächsten Tag war ich dann krank. Insofern passte es ganz gut, dass wir Schwierigkeiten hatten, ein Ticket für den direkten Zug nach Wien zu bekommen, wir wären eigentlich schon gerne Dienstag da gewesen, um endlich wieder in unsere regelmäßige Tarockrunde einzusteigen. So kommen wir heute, Mittwoch, an und sind ab nächster Woche wieder dabei.

Die Reise war wunderschön und ausreichend abenteuerlich, trotzdem freue ich mich aber gerade sehr auf Zuhause und viele liebe Menschen. Als persönliches Resümee würd ich sagen, dass wir wieder einmal zu schnell waren, an keinem Ort waren wir länger als vier Nächte. Ein wenig mehr Strand und Erholung hätte auch Teil der Reise sein können, aber das hat schon gepasst, war ja kein Urlaub. Mein liebstes Land war Kirgistan, man konnte viel erleben, Leute waren freundlich, und es war das richtige Maß an Tourist_innen zu treffen. Zum Shoppen war Usbekistan und der Pryvoz in Odessa am Schönsten, gegessen hab ich eigentlich in Moskau am Besten. Ich hab überraschend viel zugenommen.

(Romed)